Warum und wie definiert man eigentlich ein Minimum Viable Product (MVP)?
Sep 28, 2018 | by Petra Hagmaier | 0 Comments

Warum und wie definiert man eigentlich ein Minimal Viable Product (MVP)?

„Wir brauchen ein Minimum Viable Product“
Bei der Entwicklung neuartiger Produkte sollen Innovationen möglichst schnell umgesetzt und am Markt platziert werden, um einen Vorteil im Wettbewerb zu haben. Soweit – so bekannt.

Im digitalen Umfeld stehen viele Unternehmen vor der Herausforderung, zu Beginn der Entwicklung viele Ideen für ein neues Produkt zu haben und dem Anspruch, den Nutzern möglichst viel zu bieten. Die Beteiligten haben oft unterschiedliche Meinungen über den Funktionsumfang. Es gilt zahlreiche Aufgaben rund um die Entwicklung zu organisieren (Strukturen schaffen, Marketing, Vertriebswege organisieren, etc.), der Markt ist umkämpft und die Nachfrage wandelt sich in hohem Tempo. Wie lässt sich unter diesen Rahmenbedingungen sicherstellen, dass das Produkt beim Kunden ankommt und erfolgreich wird?

Hier kommt das Minimum Viable Product, kurz MVP, ins Spiel – denn mit der Entwicklung und Verprobung eines MVP soll genau das erreicht werden: Zügig an den Markt gehen und eine zielgerichtete, bedürfnisorientierte Produktentwicklung realisieren, bei der nicht unnötig Ressourcen „verbrannt“ werden.

Ein „minimal funktionsfähiges“ Produkt – was steckt dahinter?
Das MVP umfasst die unbedingt erforderlichen Kernfunktionen eines Produkts, um dieses zur Erkenntnisgewinnung am Markt zu platzieren.
Es ist als Produkt im Entwicklungszyklus zu verstehen, also im Prinzip ein Prototyp. Dieses hat nicht nur irgendeine minimale Funktion, sondern bereits brauchbare Features inne. Die Idee ist, das Produkt zügig „am Kunden“ zu testen, um wichtige Erkenntnisse zur Weiterentwicklung zu gewinnen.

Adaption aus dem Lean Startup
Der Begriff Minimum Viable Product wurde durch den Bestseller „The Lean Startup“ von Eric Ries bekannt ( > Was ist ein Lean Startup?), der einen regelrechten Hype bei Unternehmensgründern auslöste¹. Lean steht für „schlank“ und bedeutet, dass mit möglichst wenig Kapitaleinsatz ein erfolgreiches Unternehmen gegründet werden kann, indem kurze Produktentwicklungszyklen und Kundenfeedback zentrale Elemente sind. Viele Jungunternehmen verfügen schlicht nicht über die Mittel, eine lange Entwicklungszeit zu finanzieren und sind darauf angewiesen, möglichst früh Feedback einzuholen. Diese Kerngedanken wurden auf das MVP übertragen: Ries beschreibt es als „eine Version eines neuen Produkts, die es einem Team erlaubt, die maximale Menge validierter Informationen über Kunden mit minimalem Aufwand zu sammeln“.

Warum und wie definiert man eigentlich ein Minimal Viable Product (MVP)? Build-Measure-Learn-Circle

Build-Measure-Learn-Circle

Wie funktioniert der MVP Prozess?
Der Prozess ist an den „Build-Measure-Learn-Circle“ aus dem Lean Startup angelehnt. Das Modell ermöglicht es, anhand von Feedback Loops zu lernen und zu experimentieren, um das Produkt entsprechend der Kundenbedürfnisse anzupassen. Ein MVP kann als eine Produktversion gesehen werden, bei der eine Anpassung mit minimalem Aufwand und minimaler Entwicklungszeit realisierbar wird.
Die Entwicklung ist ein sich wiederholender Prozess, der aus drei Phasen besteht. „Build“ – Bauen, in unserem Fall Entwickeln, „Measure“ – Messen, in unserem Fall Feedback einholen – „Learn“ – Lernen, also die Erkenntnisse verwerten und in die weitere Entwicklung einfließen lassen.

Wichtig: Jedes MVP ist als ein vollständiges Produkt zu sehen. Es sollte nicht nur funktional, sondern auch nutzbar, ansprechend, praktisch und sinnvoll sein.
Aus dem Umfeld der Webentwicklung ist dieses Vorgehen vielen bekannt. Oft wird zunächst eine abgespeckte „Landing Page“ – eine Übersichtswebseite – mit den wichtigsten Informationen und Anmelde- oder Download-Möglichkeiten online gestellt. So können anhand von Besucherstatistiken Rückschlüsse über das Interesse der Kunden gezogen und das eigentliche Angebot bedarfsgerecht entwickelt werden.
Die Entwicklung des MVPs ist ein iterativer Prozess und schließt mit dem Endprodukt ab.

 

Was ist bei der Definition des MVP zu beachten?
Werfen wir zunächst einen Blick auf die Bestandteile des Begriffs „Minimum Viable Product“:

Minimum
… bedeutet, so wenig Ressourcen wie möglich aufzuwenden, um das Produkt zu erstellen. Das heißt im Umkehrschluss aber keinesfalls, dass es „quick and dirty“ sein muss. Wie lange es dauert und wie umfangreich die Entwicklung sein muss, hängt vom Produkt und dem Markt ab. Der Funktionsumfang sollte so klein wie möglich gehalten werden, um das Lernen zu beschleunigen. Reine Funktionalität reicht jedoch nicht aus.

Viable
… drückt aus, dass das MVP trotz seiner Minimalausprägung bereits „brauchbar“ sein muss, also einen Mehrwert für den Kunden darstellt. Es soll das Interesse der Kunden wecken und Rückschlüsse liefern, in welche Richtung die weitere Entwicklung gehen oder eben genau nicht gehen soll. Daher soll es die Eigenschaften des späteren Endprodukts bereits in den ersten Ausbaustufen in kleinem Umfang erfüllen.

Blog - Und wie definiert man eigentlich ein Minimal Viable Product (MVP) Eigenschaften eines MVP's

Eigenschaften eines MVPs²

Ein MVP sollte folgende Kriterien erfüllen³:

  1. Minimal & Viable – Reduzieren Sie das MVP auf die wesentlichen nutzbringenden Funktionen und Eigenschaften
  2. Überlegen – Bieten Sie einen wesentlichen Vorteil gegenüber dem Wettbewerb
  3. Fokussiert – Richten Sie sich mit dem MVP an eine ausgewählte Zielgruppe, die offen für das neue Produkt ist
  4. Überlebensfähig – Ihr MVP sollte einen Mehrwert liefern (Fragen Sie sich: Sind Ihre Kunden zur Nutzung oder gar Bezahlung bereit?)
  5. Vielversprechend – Ihr MVP sollte ein hohes Potential haben, sodass Ihre frühen Kunden („early adopters“) es auch zukünftig nutzen werden
  6. Erweiterbar – Halten Sie den Umfang in einem Maß, sodass die schrittweise Weiterentwicklung des (minimalen) Produkts möglich ist


Warum sollte ich ein MVP entwickeln?

Die Entwicklung eines vollwertigen Produkts erfordert einen hohen Ressourceneinsatz – und im worst case wird viel Zeit, Geld und Mühe investiert, aber an den Kundenbedürfnissen vorbeientwickelt. Ein MVP ermöglicht Erkenntnisse über die Passung zwischen Nutzenversprechen und Zielgruppe und verhindert lange Entwicklungen, die am Ende scheitern. Mit sinnvollen Feedbackstrukturen wird einschätzbar, ob die Idee überhaupt eine Chance hat.
Die Vorteile im Überblick⁴ :

  1. Ein MVP trägt zur Risikominimierung bei
  2. Durch kontinuierliches Feedback werden gewollte Endprodukte entwickelt
  3. Zielgerichtete Investition von Mitarbeitern, Zeit und Geld bei der Produktentwicklung
  4. Finden der „Early Adopters“ – Kunden, die das Produkt von Beginn an wollen und anhand derer das Produkt reifen kann
  5. Frühes Kennenlernen der Kundenwünsche


Sorgen, die mit dem MVP verbunden sind

„Ich soll ein unfertiges Produkt launchen?“ Ja. Denn es geht zu diesem Zeitpunkt nicht um das Produkt, sondern die Vision. Verkaufen Sie sie als etwas Großes.

Sich damit anzufreunden ist nicht ganz einfach. In der Definitionsphase wird oft deutlich, dass Sorgen bestehen, das „Minimalprodukt“ könnte eher schlecht ankommen. Auch sollen wirtschaftliche Interessen erst einmal zurückgestellt werden, da das Lernen über die Zielgruppe und die Nutzerinteressen im Vordergrund stehen.

„If you are not embarrassed by the first version of your product, you’ve launched too late“, beschrieb Reid Hoffman, Gründer von LinkedIn seine Erfahrungen in einem Interview.

Um sicherer zu werden hilft es, gleich zu Beginn alle Beteiligten ins Boot zu holen, sich mit dem MVP-Prozess auseinanderzusetzen und gemeinsam festzuhalten, welche Erkenntnisse dadurch gewonnen werden sollen.

fme Vorgehen
Erst kürzlich hatten wir die Gelegenheit, für einen unserer Kunden einen Workshop zur MVP-Definition durchzuführen und gemeinsam den Kern des späteren Produkts herauszuarbeiten. Folgendes Format haben wir dabei verwendet:

Herausforderung: In kurzer Zeit ein gemeinsames Verständnis erreichen und das MVP definieren.

Unsere Lösung: In einem intensiven Workshop wird ein gemeinsames Verständnis über die Ziele und das Vorgehen für die MVP-Entwicklung geschaffen und ein Kernprodukt (MVP) beschrieben, mit dem sich alle Beteiligten identifizieren. Das Produkt wird schrittweise definiert, um es zügig im Markt zu platzierenund wichtige Erkenntnisse für die Weiterentwicklung zu generieren.

Ergebnisse: Definierte Zielkundengruppe, abgestimmter Funktionsumfang des MVP, festgelegtes Vorgehen für die Weiterentwicklung (Definition der „Feedbackloops“ inklusive Inhalten), Roadmap zur Produkteinführung des MVP.

Blog - Und wie definiert man eigentlich ein Minimal Viable Product (MVP) GlühbirneWrap Up: Was muss ich zum MVP verinnerlichen?

  • Ein MVP ist ein Werkzeug, um mit möglichst geringem Ressourcenaufwand erfolgreich ein Produkt zu entwickeln
  • Ihr MVP muss brauchbar sein: Auch im kleinsten Funktionsset muss es einen entscheidenden Vorteil bieten, ansonsten ist es unbrauchbar
  • Das MVP ist ein erster Schritt, auf den viele folgen. Bei erfolgreichem MVP erfolgt die Weiterentwicklung um den zentralen Produktkern herum bis zum Endprodukt
  • Setzen Sie den Fokus auf die Zielgruppe mit dem größten Bedarf und einer Toleranz für Einschränkungen beim Funktionsumfang oder Komfort (sog. Early Adopters)
  • Definieren Sie vorab, welche Erkenntnisse mit dem MVP gewonnen werden sollen und wann die MVP-Phase abgeschlossen sein soll – spätestens dann rückt der Verkauf in den Fokus
  • Um herauszufinden, was der Kunde wirklich braucht, müssen Sie Kritik in Form des Kundenfeedbacks einstecken können
  • Hören Sie auf die Kundenwünsche, andernfalls besteht die Gefahr ein Produkt zu entwickeln, das keiner haben will
  • Beim MVP geht es um die Vision Ihres Produkts. Verkaufen Sie sie als etwas Großes.

 
Haben Sie auch bereits Erfahrung mit MVPs gesammelt? Wir freuen uns über Ihre Kommentare und einen Austausch.
Weitere Informationen zu unserem Workshop-Angebot finden Sie hier

Recherche:
Isabelle Schelle

Quellen:
¹
Für weitere Informationen: Ries, Eric: The Lean Startup – How Constant Innovation Creates Radically Successful Businesses, Penguin Books Ltd, London 2011.
²In Anlehnung an: Olsen, Dan: The Lean Product Playbook – How to innovate with minimum viable products and rapid customer feedback, John Wiley & Sons, New Jersey 2015.
³In Anlehnung an: Schulz, Christopher: „Glasklar definiert – Das Minimum Viable Product“.  https://www.mosaiic.com/minimum-viable-product/ (abgerufen am 28.09.2018).
In Anlehnung an: „The Ultimate Guide to Minimum Viable Product“.  https://hackernoon.com/the-ultimate-guide-to-minimum-viable-product-59218ce738f8 (abgerufen am 28.09.2018).